Stress 2.0 – Wenn das Nervensystem zur Führungskraft wird

Warum neuronale Dysregulation Motivation frisst – und wie HR lernen kann, sie zu erkennen und zu regulieren.

von Simone Unger | DTH mag | Ausgabe 4/2025
Zitierhinweis: Bei Verwendung bitte Quelle angeben: „DTH mag – Ausgabe 4/2025“

Stress ist kein individuelles Versagen, sondern ein Systemthema. Wenn Menschen dauerhaft überreizt sind, verlieren sie den Zugang zu Kreativität, Entscheidungsfähigkeit und Empathie – den zentralen Ressourcen moderner Arbeit. Dieser Artikel erklärt, wie Stress im Nervensystem entsteht, warum er ganze Organisationen lähmt und wie HR gezielt darauf reagieren kann.

1) Vom Leistungssystem zum Nervensystem

Klassisches HR denkt in Rollen, Zielen, KPIs. Doch hinter jeder dieser Ebenen steht ein biologisches System: das autonome Nervensystem.
Es entscheidet, ob wir uns sicher fühlen – oder bedroht. Ob wir kooperieren – oder kämpfen.

Kurz gesagt:

  • Sicherheit aktiviert Kreativität, Lernfähigkeit, soziale Bindung.
  • Bedrohung aktiviert Überleben, Kontrolle, Rückzug.

Organisationen, in denen permanent Druck herrscht, laufen biologisch im Überlebensmodus.
Das kostet Milliarden – an Produktivität, Gesundheit und Innovationskraft.

2) Was im Körper passiert, wenn Arbeit stresst

Wenn Anforderungen hoch, aber Einflussmöglichkeiten gering sind, tritt der Körper in eine Stress-Schleife:

  1. Amygdala (Alarmzentrum) erkennt Gefahr – auch wenn sie nur sozial ist (Kritik, Unsicherheit, Termindruck).
  2. Sympathikus schaltet auf Aktivierung: Puls steigt, Atmung wird flach, Fokus verengt sich.
  3. Cortex (Denkzentrum) schaltet ab – Reflexion, Empathie, Kreativität sinken.
  4. Körperlicher Dauerstress folgt: Schlafstörungen, Gereiztheit, Fehlerhäufung.

Diese Schleife lässt sich nicht durch Motivation oder Disziplin durchbrechen – sondern nur durch Regulation.

3) Warum HR das wissen muss

Weil Stress kein individuelles Problem ist, sondern eine systemische Variable:

  • Führung: Wenn Leaders ständig erreichbar sind, spiegelt das Team ihre Anspannung.
  • Kommunikation: Meetings ohne klare Struktur erhöhen Cortisolspitzen.
  • Change-Prozesse: Unklare Rollen aktivieren Dauerstress – selbst bei hochkompetenten Menschen.

Ergebnis:
Selbst die besten Trainings verpuffen, wenn das Nervensystem auf „Alarm“ steht.
Deshalb ist Regulation die neue Führungsaufgabe – und HR die zentrale Instanz, die sie einführen kann.

4) Wie man neuronale Dysregulation im Alltag erkennt

Frühsymptome im Team:

  • Häufige Missverständnisse („Das habe ich so nie gesagt“)
  • Zynismus, Gereiztheit, Rückzug
  • Hohe Fehlerquote bei Routineaufgaben
  • Übermäßige Kontrolle oder Apathie

Im Verhalten von Führungskräften:

  • Mikromanagement, emotionale Kurzschlüsse
  • Fehlende Pausen, ständige Verfügbarkeit
  • Reduzierte Empathie („Ich habe keine Zeit für Emotionen“)

Im System:

  • Dauerthemen ohne Lösung („Wir drehen uns im Kreis“)
  • Fehlende Priorisierung – alles ist dringend
  • Ständige Restrukturierung ohne echte Veränderung

5) Was HR konkret tun kann

1. Regulationskompetenz als Skill einführen

In Trainings, Onboarding und Leadership-Programmen:

  • Wie erkenne ich Stressreaktionen (bei mir / anderen)?
  • Wie schalte ich bewusst zurück in Sicherheit?

2. Team-Routinen für Nervensysteme

  • 2-Minuten-Check-in: „Wie bin ich gerade da?“
  • „Reset-Runden“ nach Konflikten oder Stressphasen
  • 3-Minuten-Atmungsübung – standardisiert, nicht esoterisch

3. Workload-Design statt Zeitmanagement

  • Mehr Entscheidungsspielraum = weniger Cortisol
  • Fokusphasen > Multitasking
  • Realistische Deadlines & Nachbesprechung nach Projekten

4. Erholungsintelligenz fördern

Nicht nur Freizeit, sondern bewusste „Downregulation“:

  • Mikro-Pausen in Meetings (60 Sekunden Stille)
  • Kein Lob für Überstunden, sondern für klare Grenzen

6) Der Zusammenhang mit ColorFlowCycle™ & EDPlay™

  • ColorFlowCycle™ zeigt, wo Menschen im Zyklus festhängen – in Reaktivität (Alarm) oder Reflexion (Balance).
    → HR kann gezielt erkennen, wann Regulation fehlt.
  • EDPlay™ trainiert diese Regulation praktisch: Teams lernen, körperlich und emotional in Sicherheit zu kommen, bevor sie entscheiden oder handeln.

So wird Stressmanagement messbar – nicht über Wellness, sondern über Kohärenz: die Übereinstimmung von Denken, Fühlen, Handeln.

7) Business Impact – was messbar besser wird

Kennzahlohne Regulationmit Regulationstraining
Fehlzeiten (Stress/Erkrankung)8–12 %↓ bis 40 %
Mitarbeiterbindungschwankend↑ stabil & nachhaltig
Innovationsrategering+ 25–30 %
Führungsqualität (360°-Feedback)stark variabel↑ + 20 Punkte
Meetingzeit pro Woche18 Std.↓ auf 12 Std. durch klare Kommunikation

8) Fazit

Stress ist kein Persönlichkeitsproblem, sondern ein Signal mangelnder Regulation.
Wer das Nervensystem ernst nimmt, gewinnt nicht nur Gesundheit, sondern auch Leistungsfähigkeit.
HR, das neuropsychologisch denkt, wird zur neuen Führungskraft im System.

Merksatz: Wer das Nervensystem führt, führt die Organisation.

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Weiterführende Literatur

  • LeDoux, J. (2002): Synaptic Self – How Our Brains Become Who We Are.
  • Siegel, D. J. (2012): The Developing Mind – How Relationships and the Brain Interact to Shape Who We Are.
  • McEwen, B. S. (2007): Physiology and Neurobiology of Stress and Adaptation.
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